Agneta Pleijel „Doppelporträt“

Jeder Mensch ist ein Kaleidoskop an Verhaltensweisen, Gefühlen und Wünschen. Sie auszusprechen ist für die meisten Menschen schon schwierig, doch ist man Engländerin und noch dazu verschüchtert, wagt man sich emotional nur äußerst selten aus dem Schneckenhaus. Auch, oder gar weil, sie berühmt war, war Agatha Christie die meiste Zeit ihres Lebens eher eine Beobachterin, was sich in den vielen Geschichten und Personen ihrer unzähligen Kriminalromane widerspiegelt. Sie beobachtete ihr Umfeld stets genau, doch sie selber öffnete sich nur wenigen Menschen und schwieg zumeist.
Als ihr 80. Geburtstag näher rückt, beschließen ihr Enkel und ihr Ehemann, dass ein Porträt von ihr gemalt werden soll und zwar von niemand anders als Oskar Kokoschka. Der Maler, der für seine eigene Interpretation von Gemälden bekannt ist, soll die schüchterne Autorin aus der Reserve locken, um ihr Innerstes nach außen zu kehren. Keine leichte Aufgabe.
So beginnt er in der ersten von sechs Sitzungen über sein Leben zu erzählen, seine Zeit mit Alma Mahler, seine ersten Aufträge, um eine Verbindung zu schaffen und sie auf das Werk vorzubereiten. Denn wenn sie nicht spricht, kann er nicht malen.
Auf gut 220 Seiten präsentiert uns die Autorin ein Doppelporträt von zwei sehr unterschiedlichen Charakteren des 20. Jahrhunderts.
Unterscheidliche Kindheit, unterschiedliche Länder, die Erlebnisse des Krieges, alle diese Themen beeinflussen das Gespräch der beiden während ihrer Sitzungen. Sie überraschen einander mit ihren Äußerungen, denn obwohl sie sich nicht kennen, haben sie ein gewisses Bild vom jeweils anderen für sich im Kopf.
Ein fiktives Gespräch, welches aber so nah an der Realität zu sein scheint, dass man als Leser mit ihnen im Raum ist, die Pinselstriche hört und Mrs Christies Augenrollen sieht, wenn Herr Kokoschka wieder über die Stränge schlägt.
Ein Buch für Kunstinteressierte, für historisch Interessierte und natürlich für Agatha Christie Fans.

5 von 5 Pinselstrichen

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Sophie Cleverly „Violet und Bones“

Eigentlich ist Violet Victoria Veil ein ganz normales junges Mädchen. Aber auch nur eigentlich. Denn ihr Vater ist Bestatter und Violet lebt mit ihrer Familie direkt neben dem Seven Gates Friedhof. Somit ist Violet an den Tod in jeglicher Form gewohnt, zumal sie auch ab und zu das Gefühl hat, dass die Geister des Friedhofs zu ihr flüstern.
Doch ist es eine ganz andere Erfahrung, wenn plötzlich ein vermeintlich Totgeglaubter aus der Leichenhalle stolpert. Doch der junge Mann, Oliver, kann sich nicht erinnern, wie er in die Leichenhalle kam und dass er bereits der fünfte ungewöhnliche Tote sein soll, scheint ihm schier unglaublich.
Doch die Ereignisse überschlagen sich und als die Polizei die falsche Fährte einschlägt, ist es an Violet die wahren Ereignisse auf und um den Friedhof zu ergründen, denn es steht viel auf dem Spiel.
Im viktorianischen England eine junge Ermittlerin einzuführen, erfordert schon eine gewisse Portion Courage. Aber gerade das ist es auch, womit dieser Jugendkrimi immer wieder spielt. Konventionen auf der einen Seite, auf der anderen Seite die schiere Wand der Fassungslosigkeit und Bürokratismus. Nein, ein Mädchen darf nicht im Geschäft helfen, nein, ein Mädchen macht sich nicht die Finger schmutzig und nein, Geister hören, gibt es nicht. Eines der häufigsten Wörter das Violet begegnet ist „Nein“ und dies in jeglicher Fasson. Dabei ist sie es, die ruhig bleibt, wenn es hektisch wird, die nicht zur Hysterie neigt, wenn es aussichtslos scheint. 
Der Handlungsspielort und auch der Beruf des Vaters spielen eine zentrale Bedeutung für das Buch und man setzt sich dadurch viel mit dem Thema „Tod“ auseinander. Das Buch ist dabei aber nicht nur melancholisch. Es hat auch seine lustigen Seiten. Der Hund Bones, der ebenso wie sein Frauchen, zu einem übersinnlichen Gespür neigt, der junge Oliver, der sich erst nach und nach in seine Rolle einfindet. Jede Figur sitzt am richtigen Platz und obwohl das Buch sich an ein jüngeres Publikum richtet, hat mir die Lektüre sehr gut gefallen.

4,5 von 5 Mausoleen

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Ellis Corbet „Kalt lächelt die See“

„Kalt lächelt die See“, als Rob eines Morgens mit seinem Schiff vor Guernsey unterwegs ist. Denn obwohl er um diese Zeit meist allein hier draußen ist, sieht er ein weiteres Boot. Unbemannt. Halb aus Neugierde, halb aus Sorge, nähert er sich dem Boot. Doch als er Blut entdeckt, ist es mit seiner Abenteuerlust vorbei und die Polizei von Guernsey wird informiert. DI Kate Langlois soll mit ihren Kollegen ermitteln, was auf dem Schiff passiert ist. Was sich erst als Vermisstenfall darstellt, bekommt eine ganz andere Relevanz, als klar wird, wer das Boot gechartert hat. Zwei Jahre zuvor war ihr Kind verschwunden und der Fall ist bis heute ungeklärt. Doch hängen die beiden Begebenheiten zusammen?
Man sagt zwar immer wieder gemeinhin, man kann das Rad nicht neu erfinden, doch bei diesem Auftakt zu der Krimiserie, die auf Guernsey angesiedelt ist, kann man als Leser doch manchmal den Eindruck bekommen, dass es doch ab und zu die berühmte Ausnahme gibt.
Unter dem Pseudonym Ellis Corbet ist der Autorin ein kleiner Geniestreich gelungen.
Noch nie habe ich einen Krimi gelesen, der soviel Lokalkolorit enthält, dass ich manchmal überlegt habe, ob ich noch einen Krimi lese oder doch einen Reisebericht. Das Buch zieht den Leser in die kleinen Gassen auf Guernsey und Jersey, man wechselt zwischen den Orten wie auch den handelnden Personen. Dabei ist das Buch flüssig zu lesen und auch wenn Personen- und Ortswechsel häufig kommen, hilft gerade die bewusste Erwähnung von einem weiteren Ermittlungstag dem Leser ein zeitliches Raster im Kopf aufzubauen. 
Einzelne Puzzlestücke werden wie Brotkrumen für den Leser ausgelegt, sodass man als Leser die wahre Freude hat, sich selbst als Detektiv zu fühlen, da man Zugang zu allen Fakten des Falles hat.
Die Einheit der kleinen Insel, eine kleine romantische Sequenz, kleine alltägliche Reibereien runden diesen Krimi zu einem gelungenen Auftakt ab, der einen hohen Maßstab an den baldigen zweiten Band legt.

4,5 von 5 Kanalinseln

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Ursula Neeb „Die Schrecken des Pan“

Als Aleister Crowley im ehrwürdigen Holloway-Sanatorium weilt, kann es gar nicht anders sein, als dass er mit den brutalen Morden zu tun hat, die in der Nähe des Sanatoriums stattgefunden haben. Zu sehr sind sie von Brutalität geprägt und zu sehr weist seine Vergangenheit auf seine Schuld hin. Doch Crowley ist nicht mehr der, der er mal war. Die Jahre haben ihre Spuren hinterlassen und doch gibt es Rätsel in der Vergangenheit, die nur durch seine Anwesenheit und seinen Einfluss begründet scheinen. Zu Recht? 
Die junge Krankenschwester Maureen Morgan, die Crowley pflegt und seinen Entzug begleitet, bekommt von ihm eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die fast so fantastisch ist, wie das Leben Crowleys. Will er sich rechtfertigen? Will er die Schuld lediglich von sich schieben? Oder gibt es gar einen Menschen, der noch kaputter ist als er selbst?
Welch ein Plot, um einen gruseligen, mystischen, unheimlichen und vor allem britischen Krimi zu schreiben.

Die Zeit, die Begebenheiten und auch die kulturellen Hintergründe sind gut recherchiert und der Leser begibt sich mit der Autorin in eine Zeit, die noch nicht soweit weg von unserer heutigen ist, und doch gesellschaftlich eine ganz andere Struktur widerspiegelt. Sanatorien hatte zu dieser Zeit einen gehörigen Zulauf, sei es des Alkohols, der Schwindsucht, der Spielsucht oder gar der zahlreichen anderen Laster wegen oder einfach deshalb, weil die bucklige Verwandtschaft einen an der Klatsche hatte und damit nicht präsentabel war. 
Der Krimi ist in sich schlüssig gezeichnet, verschiedene Gruppierungen treiben die Handlung mal in die eine, mal in die andere Richtung, voran.
Spannung kommt während des Buches immer wieder auf und man fiebert bis zum Schluss mit, wer denn nun für diese Grausamkeiten verantwortlich ist.

Auf Grund der Inhaltsangabe hatte ich mir das Buch anders vorgestellt. Ich hatte gedacht, das Buch würde die meiste Zeit im Sanatorium spielen und die Handlung wäre hauptsächlich dort angesiedelt. Sicherlich spielt ein Teil der Handlung auch dort, aber viele der Nebenhandlungen führten mir ein wenig zu weit vom Sanatorium weg.

3 von 5 Panflöten

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Traian Suttles „Best of sixty“

#frisch auf dem Kindle
Ein paar Tage ist das Buch schon auf dem Buchmarkt. Nun hat das Buch auch Einzug auf unseren Kindles gehalten. In seinem zweiten Buch „Best of sixty“ stellt Traian Suttles 15 ausgewählte Sherlock Holmes Geschichten aus dem klassischen Kanon von Sir Arthur Conan Doyle vor und verspricht dem Leser, dass selbst Kenner des Kanons durch sein Buch noch die eine oder andere Neuentdeckung in den Geschichten über den bekannten Detektiv machen können.
Auf gerade einmal 252 Seiten stellt der gebürtige Brite seine Ansichten zu den Geschichten vor und lässt den geneigten Leser hoffen, noch ein wenig tiefer in die Welt des großen Detektivs eintauchen zu können. Ob wir mit Suttles einer Meinung sind?
Das werden wir euch in einer Doppel-Rezension wissen lassen, sobald wir es gelesen haben.
Zumindest das Cover verspricht schon mal einiges.
Wir sind gespannt.

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