Katharina M. Mylius „Die Toten vom Magdalen College“

Während des berühmten Alumni-Diner am Magdalen College in Oxford bricht Jules McCann zusammen. Als die nächsten Sitznachbarn zu ihm stürzen, versucht er noch zu Atem zu kommen, allerdings kann ihm nichts mehr helfen und er verstirbt unter den Augen seiner ehemaligen Kommilitonen. Doch war es ein Unfall? Oder hatte jemand seine Finger im Spiel?
Inspector Heidi Green wird zum Tatort beordert, um sich ein Bild von der Lage zu machen, begleitet wird sie dabei von ihrem neuen Kollegen Frederick Collins. Schnell wird offensichtlich, dass Jules sich auf dem Weg zum obersten Posten der Stadt Oxford nicht bei allen beliebt gemacht hat und das nicht alles Gold ist, was glänzt. Als seine Freunde befragt werden, kommt zudem der Verdacht auf, dass diese Menschen etwas mehr verbindet, als ihre Freundschaft, etwas, das bereits vor Jahren geschehen sein muss.

Oxford. Stadt der Universitäten. Hier eine Krimiserie anzusiedeln, hat einen großen Reiz. Schon die Fernsehserien Inspektor Morse und im Anschluss Inspektor Lewis haben gezeigt, wie viele Morde in einem so schönen beschaulichen Städtchen stattfinden können. Denn, wo Universitäten sind, gibt es alles, was es für einen guten Krimi braucht: Machtstreben, Neid, Missgunst, Hass, Geld und Intrigen.
Der erste Band der Serie um die Ermittlerin Heidi Green führt den Leser hauptsächlich in das Uni-Leben und in die Politik ein. Ehemalige Studenten halten zusammen und überhaupt man kennt sich in diesen kleinen Städten und entweder liebt man sich, wenn vielleicht auch nur platonisch, oder man hasst sich. Der Krimi fängt alle diese verschiedenen Facetten ein, dabei zieht er den Leser mit dem Schlendern durch die Gassen in die Szenerie hinein und die geschichtlichen Fakten runden das Bild von Oxford vorbildlich ab.
Der Fall ist genauso, wie man ihn von klassischen Kriminalautoren, z.B. Agatha Christie, Arthur Conan Doyle oder John Bude, erwarten würde und es ist schön eine neue Serie entdeckt zu haben, bei der für mich als Leser alles stimmig ist. Gut, dass es bereits ein paar Fortsetzungen gibt und ich weiter durch die Gassen von Oxford schlendern kann.
5 von 5 Colleges 

Posted in Buchvorstellungen, Rezensionen | Leave a comment

Traian Suttles „Best of Sixty“

Welches die besten Geschichten des 4 Romane und 56 Kurzgeschichten umfassenden Sherlock-Holmes-Werkkanon sind, wurde in sicher mehr als 60 Umfragen ermittelt. Traian Suttles Sekundärwerk schickt sich nun erneut an, die besten – genauer gesagt: das beste Viertel – herauszudestillieren.

Nach dem Lesen war ich mir etwas unsicher, was ich von diesem Buch halten und wie ich es bewerten soll. Ich habe mich daher zu einem Pro/Contra Vergleich entschieden.

Suttles Werk richtet sich nicht als Entscheidungsempfehlung an neue Leser, die bislang wenige Geschichten oder lediglich Verfilmungen kennen, denn dafür werden die Geschichten zu detailliert betrachtet. (Neudeutsch: Komplett gespoilert). Das Sekundärwerk richtet sich eindeutig an Sherlockianer bzw. sattelfeste Kenner von Doyles Kanon. Grundlegend müssen sich also potentielle Leser die Frage stellen, ob sie ein Buch interessiert, indem analysiert wird, warum eine Geschichte besonders beliebt ist bzw. nach Ansicht Suttles zu wenig Aufmerksamkeit erhält.

Es sei vorweggenommen, dass die Auswahl sich nur etwa hälftig mit meiner gedanklichen Liste besonders empfehlenswerter Holmes-Geschichten deckt. (Die in der Einführung erwähnten Ergebnisse von Leser-Umfragen der Baker Street Irregulars kann ich eher mitgehen). Da das Buch bereits im Klappentext ankündigt, auch Geschichten betrachten zu wollen, die weniger Beachtung fanden, habe ich jedoch erwartet, nicht nur „A Scandal in Bohemia“ vorzufinden.

Was mir an „Best of Sixty“ besonders gefällt:

Suttles ist ein versierter Kenner des Werkkanons und des Holmes-Kosmos. Das macht sich insbesondere dann bemerkbar, wenn in den Analysen Querverweise gezogen, Experten und Doyle zitiert werden oder auf historische Gegebenheiten zur Entstehung des Werks Bezug genommen wird. Suttles gestaltet seine Analysen nicht nur gehaltvoll, sondern größtenteils auch sehr unterhaltsam.

Was mir an „Best of Sixty“ weniger gefallen hat:

Bei analytischen Werken ist es unumgänglich, bei Inhaltsangaben in die Tiefe zu gehen, doch in manchen Kapiteln ist es länger, als nötig. Doch was mir an dem gesamten Werk weniger schmeckt, ist der Aufwertungsversuch der „Underdogs“. Suttles gelingt es, deren Stärken hervorzuheben, doch eine „solide“ oder „durchschnittliche“ Geschichte ist eben nicht eine „herausragende“ Geschichte – schon gar nicht „eine der besten“. Es scheint, Suttles wollte mit dieser eigenwilligen Zusammenstellung eher rechtfertigen, ein Sachbuch auf den Markt zu bringen. Immerhin: Seine Liste stellt damit unter Beweis, dass Sir Arthur Conan Doyle durchaus um Abwechslung bemüht war.

Zusammengefasst: Suttles Werk ist aufgrund der Sachkenntnis und der gefälligen Schreibe des Autors lesenswert. Für Sherlockianer einen Blick wert – sei es, um manche Geschichten unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten oder auch nur, um Suttles zu widersprechen.

Posted in 1 Buch - 2 Rezis, Sherlock Holmes, Viktorianische Krimis | Leave a comment

Traian Suttles „Best of sixty“

Ein weiteres Buch über Sherlock Holmes zu schreiben, ist ein Projekt, dass dem Autor eine noch größere Kreativität abverlangt, als es Bücher ansich schon tun. Denn nicht nur im Bereich des Pastiches gibt es zahlreiche Bücher mit und über Sherlock Holmes, nein, auch in der Sekundärliteratur hat der consulting detective Einzug gehalten.
Seien es seine Forschungen, seine Routen durch London oder er selbst als Leitfigur des viktorianischen Zeitalters, der in einem Buch untersucht wird (welch wunderbare Ironie).
Der Autor hat sich in diesem Buch daran begeben die 15 besten Sherlock Holmes Geschichten zusammenzustellen.
Über die Jahre hinweg, angefangen mit Arthur Conan Doyle, hat es immer wieder Abstimmungen darüber gegeben, welche die besten Sherlock Holmes Geschichten seien. Ausgehend von dem jeweiligen Jahrzehnt, in welchem die Abstimmung stattfand, über welches Land hat abgestimmt, bis hin zu, haben Männer oder Frauen abgestimmt, gibt es bei den 60 Geschichten, teilweise Übereinstimmungen, aber auch große Unterschiede.
Der Autor hat bei der jeweiligen von ihm ausgesuchten Geschichten immer vorangestellt, wie die Geschichte in den jeweiligen Abstimmungen abgeschnitten hat, um dann in eine detaillierte Inhaltsangabe überzuleiten. Er spannt den Bogen zwischen einzelnen Geschichten, zeigt Parallelen in Handlungen, Personen oder Situationen auf.
Man merkt hier schon, dass er trotz der Inhaltsangaben, eine gewisse solide Grundkenntnis des Kanons voraussetzt, um mit seinem Buch darauf aufzubauen.
Mit einer unverblümten Sprache zergliedert er die Texte und zeigt, warum für ihn diese Geschichten, die besten 15 sind, wobei je nach Geschichte die Erörterung unterschiedlich lang ausfällt.
Man muss das Buch sehr konzentriert lesen, da der Autor sich mit den Querverweisen und den Hintergrundrecherchen sehr viel Mühe gemacht. Doch gerade deshalb lässt sich das Buch „nicht am Stück“ lesen. Der Sprachstil ist zwar flüssig, aber die schiere Informationsdichte verlangt dem Leser einiges ab.
Als Sherlock Holmes Kenner findet man in diesem Buch nicht grundlegend neue Informationen, aber es werden dem neigten Leser Zusammenhänge offenbart, die einem bei 56 Kurzgeschichten schon einmal durchgehen können.
Zuletzt sei gesagt, seine Auswahl entspricht nicht meinen 15 besten Geschichten, aber über Geschmack lässt sich nicht streiten.

3,5 von 5 Lupen

Posted in 1 Buch - 2 Rezis, Rezensionen, Sherlock Holmes | Leave a comment

Agneta Pleijel „Doppelporträt“

Jeder Mensch ist ein Kaleidoskop an Verhaltensweisen, Gefühlen und Wünschen. Sie auszusprechen ist für die meisten Menschen schon schwierig, doch ist man Engländerin und noch dazu verschüchtert, wagt man sich emotional nur äußerst selten aus dem Schneckenhaus. Auch, oder gar weil, sie berühmt war, war Agatha Christie die meiste Zeit ihres Lebens eher eine Beobachterin, was sich in den vielen Geschichten und Personen ihrer unzähligen Kriminalromane widerspiegelt. Sie beobachtete ihr Umfeld stets genau, doch sie selber öffnete sich nur wenigen Menschen und schwieg zumeist.
Als ihr 80. Geburtstag näher rückt, beschließen ihr Enkel und ihr Ehemann, dass ein Porträt von ihr gemalt werden soll und zwar von niemand anders als Oskar Kokoschka. Der Maler, der für seine eigene Interpretation von Gemälden bekannt ist, soll die schüchterne Autorin aus der Reserve locken, um ihr Innerstes nach außen zu kehren. Keine leichte Aufgabe.
So beginnt er in der ersten von sechs Sitzungen über sein Leben zu erzählen, seine Zeit mit Alma Mahler, seine ersten Aufträge, um eine Verbindung zu schaffen und sie auf das Werk vorzubereiten. Denn wenn sie nicht spricht, kann er nicht malen.
Auf gut 220 Seiten präsentiert uns die Autorin ein Doppelporträt von zwei sehr unterschiedlichen Charakteren des 20. Jahrhunderts.
Unterscheidliche Kindheit, unterschiedliche Länder, die Erlebnisse des Krieges, alle diese Themen beeinflussen das Gespräch der beiden während ihrer Sitzungen. Sie überraschen einander mit ihren Äußerungen, denn obwohl sie sich nicht kennen, haben sie ein gewisses Bild vom jeweils anderen für sich im Kopf.
Ein fiktives Gespräch, welches aber so nah an der Realität zu sein scheint, dass man als Leser mit ihnen im Raum ist, die Pinselstriche hört und Mrs Christies Augenrollen sieht, wenn Herr Kokoschka wieder über die Stränge schlägt.
Ein Buch für Kunstinteressierte, für historisch Interessierte und natürlich für Agatha Christie Fans.

5 von 5 Pinselstrichen

Posted in Agatha Christie, Buchvorstellungen, Rezensionen | Leave a comment

Sophie Cleverly „Violet und Bones“

Eigentlich ist Violet Victoria Veil ein ganz normales junges Mädchen. Aber auch nur eigentlich. Denn ihr Vater ist Bestatter und Violet lebt mit ihrer Familie direkt neben dem Seven Gates Friedhof. Somit ist Violet an den Tod in jeglicher Form gewohnt, zumal sie auch ab und zu das Gefühl hat, dass die Geister des Friedhofs zu ihr flüstern.
Doch ist es eine ganz andere Erfahrung, wenn plötzlich ein vermeintlich Totgeglaubter aus der Leichenhalle stolpert. Doch der junge Mann, Oliver, kann sich nicht erinnern, wie er in die Leichenhalle kam und dass er bereits der fünfte ungewöhnliche Tote sein soll, scheint ihm schier unglaublich.
Doch die Ereignisse überschlagen sich und als die Polizei die falsche Fährte einschlägt, ist es an Violet die wahren Ereignisse auf und um den Friedhof zu ergründen, denn es steht viel auf dem Spiel.
Im viktorianischen England eine junge Ermittlerin einzuführen, erfordert schon eine gewisse Portion Courage. Aber gerade das ist es auch, womit dieser Jugendkrimi immer wieder spielt. Konventionen auf der einen Seite, auf der anderen Seite die schiere Wand der Fassungslosigkeit und Bürokratismus. Nein, ein Mädchen darf nicht im Geschäft helfen, nein, ein Mädchen macht sich nicht die Finger schmutzig und nein, Geister hören, gibt es nicht. Eines der häufigsten Wörter das Violet begegnet ist „Nein“ und dies in jeglicher Fasson. Dabei ist sie es, die ruhig bleibt, wenn es hektisch wird, die nicht zur Hysterie neigt, wenn es aussichtslos scheint. 
Der Handlungsspielort und auch der Beruf des Vaters spielen eine zentrale Bedeutung für das Buch und man setzt sich dadurch viel mit dem Thema „Tod“ auseinander. Das Buch ist dabei aber nicht nur melancholisch. Es hat auch seine lustigen Seiten. Der Hund Bones, der ebenso wie sein Frauchen, zu einem übersinnlichen Gespür neigt, der junge Oliver, der sich erst nach und nach in seine Rolle einfindet. Jede Figur sitzt am richtigen Platz und obwohl das Buch sich an ein jüngeres Publikum richtet, hat mir die Lektüre sehr gut gefallen.

4,5 von 5 Mausoleen

Posted in Buchvorstellungen, Rezensionen, Viktorianische Krimis | Leave a comment