Verantwortung

Ist es nicht schön, ein neues Buch in Händen zu halten? Doch wie ist es für einen Herausgeber? Die Verantwortung zu entscheiden, welche Geschichten einen Leser unterhalten könnten, sich mit den Autor:innen auszutauschen und auch dem Kanon gerecht zu werden, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Während Chris dies schon mehrfach erfolgreich getan hat, ist es für mich das erste Mal. Ich sitze jetzt hier an den 87 Einsendungen zu unserer Sherlock Holmes Anthologie und bewerte das Werk anderer Autor:innen. Anhand eines Bewertungsbogen prüfe ich jede Geschichte auf Herz und Nieren, wohlwissend, dass sich jede/r Autor:in wünscht dabei zu sein.
Auch wenn ich schon immer Respekt vor der Arbeit der Buchbranche hatte, ist ein Blick hinter die Kulissen sehr lehrreich und zugleich erfrischend. Aber ich sollte nicht soviel schreiben und lieber weiter die eingereichten Geschichten lesen.
Bitte daher auch nicht wundern, wenn es mit anderen Rezis zur Zeit ein bißchen länger dauert, aber mehr darf über das Projekt einfach noch nicht verraten werden… Aber ganz bald berichte ich wieder. 🙂

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Jessica Müller „Tod in der Glaskugel“

„Ich sehe was, was du nicht siehst.“
Doch das Wesentliche sieht das Medium Madame Blanche nicht: ihren eigenen Tod.
Mitten auf dem Friedhof Highgate wird das stadtbekannte Medium gefunden. Eine natürliche Todesursache nahezu ausgeschlossen.
Doch wer wollte Madame Blanche etwas Böses, die Dame, die der Londoner Society über ihren Schmerz hinweghalf, da sie ein letztes Gespräch mit den Toten vermitteln konnte?
Doch bald schon ergeben sich Zweifel, wie Madame an ihre Informationen zu gelangen pflegte und die Schar der Verdächtigen wächst zunehmend an. Basil Stockworth hat somit kaum Zeit für seine Charlotte. So begibt Charlotte sich selbst in die Gesellschaft von Damen, mit denen sie zukünftig verkehren wird. Doch wird ihr diese Beschäftigung auf Dauer ausreichen?

Jessica Müllers zweiter Band, ebenfalls im Jahr 1865 ansiedelt, schließt nahezu an den ersten Band an, daher empfielt es sich, den ersten Band gelesen zu haben. Das Buch ist eine gelungene Mischung aus detektivischen Ermittlungen, Societyklatsch und realistischen Beschreibungen der Stadt London zu dieser Zeit. Viele Handlungsstränge und Personen aus dem ersten Band werden hier aufgegriffen und weitererzählt, sodass der Leser die Figuren immer besser kennenlernt.
Der Fall bietet mit seinen vielfältigen Verdächtigen einen garantieren Rätselspaß, da man als Leser, im Gegensatz zu anderen Büchern, beim konzentrierten Lesen selbst die Lösung des Falls ermitteln kann.
Ein gelungener Krimi, der die Atmosphäre der Zeit einfängt und zugleich einen Ausblick auf die folgende Entwicklung der Figuren gibt.

4 von 5 Glaskugeln

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Katharina M. Mylius „Die Toten vom Magdalen College“

Während des berühmten Alumni-Diner am Magdalen College in Oxford bricht Jules McCann zusammen. Als die nächsten Sitznachbarn zu ihm stürzen, versucht er noch zu Atem zu kommen, allerdings kann ihm nichts mehr helfen und er verstirbt unter den Augen seiner ehemaligen Kommilitonen. Doch war es ein Unfall? Oder hatte jemand seine Finger im Spiel?
Inspector Heidi Green wird zum Tatort beordert, um sich ein Bild von der Lage zu machen, begleitet wird sie dabei von ihrem neuen Kollegen Frederick Collins. Schnell wird offensichtlich, dass Jules sich auf dem Weg zum obersten Posten der Stadt Oxford nicht bei allen beliebt gemacht hat und das nicht alles Gold ist, was glänzt. Als seine Freunde befragt werden, kommt zudem der Verdacht auf, dass diese Menschen etwas mehr verbindet, als ihre Freundschaft, etwas, das bereits vor Jahren geschehen sein muss.

Oxford. Stadt der Universitäten. Hier eine Krimiserie anzusiedeln, hat einen großen Reiz. Schon die Fernsehserien Inspektor Morse und im Anschluss Inspektor Lewis haben gezeigt, wie viele Morde in einem so schönen beschaulichen Städtchen stattfinden können. Denn, wo Universitäten sind, gibt es alles, was es für einen guten Krimi braucht: Machtstreben, Neid, Missgunst, Hass, Geld und Intrigen.
Der erste Band der Serie um die Ermittlerin Heidi Green führt den Leser hauptsächlich in das Uni-Leben und in die Politik ein. Ehemalige Studenten halten zusammen und überhaupt man kennt sich in diesen kleinen Städten und entweder liebt man sich, wenn vielleicht auch nur platonisch, oder man hasst sich. Der Krimi fängt alle diese verschiedenen Facetten ein, dabei zieht er den Leser mit dem Schlendern durch die Gassen in die Szenerie hinein und die geschichtlichen Fakten runden das Bild von Oxford vorbildlich ab.
Der Fall ist genauso, wie man ihn von klassischen Kriminalautoren, z.B. Agatha Christie, Arthur Conan Doyle oder John Bude, erwarten würde und es ist schön eine neue Serie entdeckt zu haben, bei der für mich als Leser alles stimmig ist. Gut, dass es bereits ein paar Fortsetzungen gibt und ich weiter durch die Gassen von Oxford schlendern kann.
5 von 5 Colleges 

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Traian Suttles „Best of Sixty“

Welches die besten Geschichten des 4 Romane und 56 Kurzgeschichten umfassenden Sherlock-Holmes-Werkkanon sind, wurde in sicher mehr als 60 Umfragen ermittelt. Traian Suttles Sekundärwerk schickt sich nun erneut an, die besten – genauer gesagt: das beste Viertel – herauszudestillieren.

Nach dem Lesen war ich mir etwas unsicher, was ich von diesem Buch halten und wie ich es bewerten soll. Ich habe mich daher zu einem Pro/Contra Vergleich entschieden.

Suttles Werk richtet sich nicht als Entscheidungsempfehlung an neue Leser, die bislang wenige Geschichten oder lediglich Verfilmungen kennen, denn dafür werden die Geschichten zu detailliert betrachtet. (Neudeutsch: Komplett gespoilert). Das Sekundärwerk richtet sich eindeutig an Sherlockianer bzw. sattelfeste Kenner von Doyles Kanon. Grundlegend müssen sich also potentielle Leser die Frage stellen, ob sie ein Buch interessiert, indem analysiert wird, warum eine Geschichte besonders beliebt ist bzw. nach Ansicht Suttles zu wenig Aufmerksamkeit erhält.

Es sei vorweggenommen, dass die Auswahl sich nur etwa hälftig mit meiner gedanklichen Liste besonders empfehlenswerter Holmes-Geschichten deckt. (Die in der Einführung erwähnten Ergebnisse von Leser-Umfragen der Baker Street Irregulars kann ich eher mitgehen). Da das Buch bereits im Klappentext ankündigt, auch Geschichten betrachten zu wollen, die weniger Beachtung fanden, habe ich jedoch erwartet, nicht nur „A Scandal in Bohemia“ vorzufinden.

Was mir an „Best of Sixty“ besonders gefällt:

Suttles ist ein versierter Kenner des Werkkanons und des Holmes-Kosmos. Das macht sich insbesondere dann bemerkbar, wenn in den Analysen Querverweise gezogen, Experten und Doyle zitiert werden oder auf historische Gegebenheiten zur Entstehung des Werks Bezug genommen wird. Suttles gestaltet seine Analysen nicht nur gehaltvoll, sondern größtenteils auch sehr unterhaltsam.

Was mir an „Best of Sixty“ weniger gefallen hat:

Bei analytischen Werken ist es unumgänglich, bei Inhaltsangaben in die Tiefe zu gehen, doch in manchen Kapiteln ist es länger, als nötig. Doch was mir an dem gesamten Werk weniger schmeckt, ist der Aufwertungsversuch der „Underdogs“. Suttles gelingt es, deren Stärken hervorzuheben, doch eine „solide“ oder „durchschnittliche“ Geschichte ist eben nicht eine „herausragende“ Geschichte – schon gar nicht „eine der besten“. Es scheint, Suttles wollte mit dieser eigenwilligen Zusammenstellung eher rechtfertigen, ein Sachbuch auf den Markt zu bringen. Immerhin: Seine Liste stellt damit unter Beweis, dass Sir Arthur Conan Doyle durchaus um Abwechslung bemüht war.

Zusammengefasst: Suttles Werk ist aufgrund der Sachkenntnis und der gefälligen Schreibe des Autors lesenswert. Für Sherlockianer einen Blick wert – sei es, um manche Geschichten unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten oder auch nur, um Suttles zu widersprechen.

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Traian Suttles „Best of sixty“

Ein weiteres Buch über Sherlock Holmes zu schreiben, ist ein Projekt, dass dem Autor eine noch größere Kreativität abverlangt, als es Bücher ansich schon tun. Denn nicht nur im Bereich des Pastiches gibt es zahlreiche Bücher mit und über Sherlock Holmes, nein, auch in der Sekundärliteratur hat der consulting detective Einzug gehalten.
Seien es seine Forschungen, seine Routen durch London oder er selbst als Leitfigur des viktorianischen Zeitalters, der in einem Buch untersucht wird (welch wunderbare Ironie).
Der Autor hat sich in diesem Buch daran begeben die 15 besten Sherlock Holmes Geschichten zusammenzustellen.
Über die Jahre hinweg, angefangen mit Arthur Conan Doyle, hat es immer wieder Abstimmungen darüber gegeben, welche die besten Sherlock Holmes Geschichten seien. Ausgehend von dem jeweiligen Jahrzehnt, in welchem die Abstimmung stattfand, über welches Land hat abgestimmt, bis hin zu, haben Männer oder Frauen abgestimmt, gibt es bei den 60 Geschichten, teilweise Übereinstimmungen, aber auch große Unterschiede.
Der Autor hat bei der jeweiligen von ihm ausgesuchten Geschichten immer vorangestellt, wie die Geschichte in den jeweiligen Abstimmungen abgeschnitten hat, um dann in eine detaillierte Inhaltsangabe überzuleiten. Er spannt den Bogen zwischen einzelnen Geschichten, zeigt Parallelen in Handlungen, Personen oder Situationen auf.
Man merkt hier schon, dass er trotz der Inhaltsangaben, eine gewisse solide Grundkenntnis des Kanons voraussetzt, um mit seinem Buch darauf aufzubauen.
Mit einer unverblümten Sprache zergliedert er die Texte und zeigt, warum für ihn diese Geschichten, die besten 15 sind, wobei je nach Geschichte die Erörterung unterschiedlich lang ausfällt.
Man muss das Buch sehr konzentriert lesen, da der Autor sich mit den Querverweisen und den Hintergrundrecherchen sehr viel Mühe gemacht. Doch gerade deshalb lässt sich das Buch „nicht am Stück“ lesen. Der Sprachstil ist zwar flüssig, aber die schiere Informationsdichte verlangt dem Leser einiges ab.
Als Sherlock Holmes Kenner findet man in diesem Buch nicht grundlegend neue Informationen, aber es werden dem neigten Leser Zusammenhänge offenbart, die einem bei 56 Kurzgeschichten schon einmal durchgehen können.
Zuletzt sei gesagt, seine Auswahl entspricht nicht meinen 15 besten Geschichten, aber über Geschmack lässt sich nicht streiten.

3,5 von 5 Lupen

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